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Theater: Israel, mon amour
13.10.2012 | 15:08
Beissen und spucken Großes Schauspiel zeigt das Theater Augsburg derzeit auf seiner Brechtbühne.
Schauspieldirektor Markus Trabusch zeigt das Monolog-Stück In Spuckweite von Taher Najib und Ulysses auf dem Flaschenfloß von Gilad Evron in der Reihe Israel, mon amour als Doppelaufführung an einem Abend.
Verachtung, Entfremdung und Entmenschlichung
Das sind die Themen von In Spuckweite.
Dabei könnte alles ganz anders sein, es könnte paradiesisch zugehen. Zu Beginn des Stücks regnet es Schaumstoff-Orangen auf die Bühne. Alles könnte süß und verführerisch sein. Wie die köstlichen Jaffa-Orangen.
Aber mit der Verführung fängt das Ungemach an, legt uns der Protagonist mit Jammern, Klagen und Fluchen dar und kickt die Orangen von sich. Was hat es nur mit diesem Land auf sich, dass es immerzu Eroberer und Unterdrücker anlockt? Was macht die Araber dieser Region so verführerisch, dass sich alle als ihre Herren aufspielen wollen?
Ramallah / Westbank. 2002. Inmitten der gewalttätigen Zweiten Intifada.
Ein Palästinenser – beeindruckend gespielt von Marcus Calvin – mit israelischem Pass schildert die Atmosphäre vor Ort. Auf einer belebten Straße in Ramallah treffen sich allabendlich Tausende, um auszuspucken. Jeder hat seine eigene Art zu spucken, wird einem ausführlich dargelegt. Während die Palästinenser spucken, spuck-schiessen die Israelis.
Natürlich ist die Straßenszene nicht der Wirklichkeit entnommen. Das Spucken ist die ästhetische Übersetzung des Autors für die Art, wie sich Palästinenser gegen ihre Besatzer wehren. Sie können sich nur auf eine irgendwie erbärmliche Art widersetzen. Eben nicht mit einer glänzenden Armee und High-Tech-Jagdbombern, die mit ihren lasergesteuerten Bombenabwürfen diese schillernden und beeindruckenden Fernsehbilder liefern. Nein, was sie machen ist von der Art böser Kinder, die beissen, kratzen und eben spucken. Ein durchaus gelungenes Stilmittel.
Demgegenüber haben die Besatzer mehr im Repertoire. Sie schiessen auch. Und sie scheissen. Zum Beispiel in die Theatersitze des Theaters in Ramallah. Oder sie strahlen Pornofilme über den besetzten arabischen Sender Al Watan aus.
Aber das alles soll die Vorfreude auf Paris nicht trüben. Dort wartet die Freundin, die Seine, der Kaffee und unbeschwertes Fahrradfahren durch die Quartiers, kurz: das schöne Leben.
Das schöne Leben ist nicht das ganze Leben
Von der Bühnendecke herabgelassen hängen drei große Platten und bilden einen zweiten Bühnenboden. Solange die Szene in Ramallah spielte, waren die an Drahtseilen hängenden Böden ungleichmässig in Bewegung und vermittelten damit eine Haltlosigkeit, eine beständige Gefahr den Boden unter den Füßen zu verlieren.
In Paris hingegen saß man an der Seine, schaute auf die Touristenboote und winkte ihnen zu. Der hängende Boden war dabei in gleichmäßig schaukelnder Bewegung und vermitteltete damit das beruhigende Gefühl eines spätsommerlichen Bootsausflugs.
Aber den elegant französisch parlierenden Palästinenser hält es dort nicht. In der Heimat wartet das Chaos, der Irrsinn, die Unvernunft, und er darf das alles nicht zu lange hinter sich lassen, weil er es sonst nicht mehr versteht, kein Teil mehr davon ist. Also muss er zurück.
Und steht am Flughafen Charles de Gaulle am Schalter vor dieser reizenden jungen Angestellten, die seinen Pass mustert, dann ihn, dann das Ticket und irgendwann feststellt, dass der hebräische Pass und der arabische Name auf dem Ticket wohl nicht passen würden und er auf der Stelle beweisen solle, das er er ist.
Die Präzision, mit der dabei die Psychologie derer entblößt wird, die Menschen nicht ohne Schablone sehen können, und in diesem Fall so weit gehen den Passagier zu erniedrigen auf die unausgesprochene Frage Soll das da fliegen dürfen? , brachte die vielleicht stärksten Momente des Stückes mit sich.
Schließlich landet der Mann in Tel Aviv, nicht ohne die übliche Prozedur der security checks durchlaufen zu müssen, die in seinem Fall selbstredend länger dauern als bei anderen Fluggästen.
Von seinem Freund abgeholt gehen sie in eine Bar. Die auf arabisch an den Freund gerichtete Frage, ob er ein Bier wolle, löst eine Art Massenflucht aus. Alle wollen zahlen, schnell, schnell, nur weg von hier, weg von diesem Araber, der sich vielleicht in die Luft sprengen will.
Man will eigentlich nur ich sein, aber die anderen lassen einen nicht. Man ist nur man, jemand anderes, eine Rolle, Statist in einem großen Spiel, das man nicht ganz versteht. Und es bereitet einem Übelkeit, und man möchte ausspucken.
Ganz ohne Katharsis, unerlöst und mit einer ersten leisen Ahnung, welche Verwerfungen das Leben unter Besatzung mit sich bringen kann, geht der Zuschauer aus diesem Teil des Abends.
Die Kritik zum zweiten Teil dieses Theater-Doppel-Abends finden Sie hier.
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Fesselnder Auftakt auf schwankendem Boden
Brechtbühne eröffnet mit zwei streitbaren Stücken aus Israel
Von Frank Heindl aus DAZ
...präsentiert als erste Eigenproduktion des Augsburger Stadttheaters für die Brechtbühne mit „Israel, mon amour“ einen sehr streitbaren Theaterabend mit zwei Stücken, die Israels Palästinapolitik hart angreifen.
Deren erstes ist, im Nachhinein betrachtet, der einfachere, leichter zu verkraftende Stoff. Marcus Calvin spielt den autobiographischen Text von Tahir Najib, eines Palästinensers mit israelischem Pass, der am Jahrestag des 9/11-Attentats nach Israel fliegen will und wie ein Schwerverbrecher bewacht und eskortiert wird. Glücklich in Tel Aviv angekommen, bestellt er auf Arabisch ein Bier – woraufhin sich das Café in Minutenschnelle leert.
Wütend ist dieser Mensch – nicht nur auf seine Heimat Israel, sondern auch auf seine Landleute in Ramallah, die auf das Ende der Besatzung nur mit Spucken reagieren: „Sie tun nichts. Außer spucken. Sie spucken in jede Richtung, pausenlos und schnell.“ Warum sie das tun? „So ist eben die Besatzung.“ Denn die Besatzung ist in den Köpfen und verschwindet nicht mehr aus ihnen. Und sie beeinflusst auch den Erzähler: Er hätte gerne einfache Lösungen, würde gerne handeln, wäre gerne „eine Gestalt, die keine überflüssigen Fragen stellt. Die keinerlei moralische Werte befolgt. Dann brauche ich keine moralischen Rechtfertigungen mehr für unmoralische Taten.“ Auch die Möglichkeiten der Kunst reflektiert der trotz seiner Aggressivität vielschichtige Text: „Warum hetze ich dermaßen ins Theater, wenn das wirklich Wichtige draußen geschieht?“
Die Hamas bleibt außen vor
Dem Autor gelingt es, in wenigen frustrierten Sätzen den Kosmos der Befindlichkeiten eines palästinensischen Intellektuellen aufscheinen zu lassen. Und Marcus Calvin merkt man an, dass er diesen etwa 50minütigen Monolog nicht leicht nimmt – in der Tat war er eigens nach Israel gereist, um sich auf eine Rolle vorzubereiten, die ihm zunächst unspielbar schien. Was in den Anklagen Taher Najibs nicht vorkommt, ist allerdings die Reflexion der palästinensischen Gegenwart: Ist es nicht auch die Politik der Hamas, die mit ihrem Ziel der bedingungslosen Beseitigung Israels den Bewohnern von Ramallah keine Perspektive eröffnet? Außer der einen: Bomben zu bauen, Selbstmordattentäter zu schulen, das sinnlose Morden ad infinitum weiterzutreiben?
Einen Großteil seiner Rolle spielt Calvin auf drei unstet schaukelnden, schwankenden Tribünen, die Bühnenbildnerin Susanne Hiller von der Decke herabgelassen hat und die nicht nur als Flugzeug-Gangway dienen, sondern auch als Chiffre für den schwankenden, unsicheren Boden, auf dem sich die um ihr Land, um Heimat und Bezugspunkte kämpfenden Palästinenser ebenso wie ihre israelischen Gegenüber bewegen, ebenso wie die haltlosen Gedankengebäude, die ins Schwanken geratenen Ideologien, derer sich die Personen auch im zweiten Stück bedienen.
Ein Stück auch über die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft
Wut auf Israel, Wut auf die eigenen Landleute: Marcus Calvin als Palästinenser mit israelischem Pass.
Dieses 2011 uraufgeführte Stück heißt „Ulysses auf dem Flaschenfloß“, stammt von dem vielfach preisgekrönten israelischen Autor Gilad Evron und hat 2012 in Israel Auszeichnungen als bestes Stück und beste Uraufführung bekommen. Der Text kreist um einen Gefangenen in israelischer Untersuchungshaft, der versucht hat, die Seeblockade des Gazastreifens mit einem aus leeren Plastikflaschen gebauten Floß zu durchbrechen. Sein Ziel: Den auf dem Gazastreifen eingeschlossenen Palästinensern Bücher zu bringen, russische Literatur vor allem.
Einmal mehr also ein Stück auch über die Idee, mithilfe von Kunst die Geschichte, die Verhältnisse, die Menschen zu verändern – und deren Scheitern. Der nicht-palästinensische Israeli Ulysses ist kein wütend Desillusionierter, wie sein Gegenpart im ersten Stück. Tjark Bernau spielt ihn als teils verträumt-naiven, einzig vom Fanatismus der Literatur angetriebenen Menschenfreund, der sich nicht zerbrechen lässt, der aber auch nicht überleben wird. „Es sind beides humanistische Stücke“, sagt Regisseur Markus Trabusch. Doch in beiden Fällen macht sich dieser Impetus gerade am Fehlen der Humanität bemerkbar. „Ulysses“ wird auf eine Weise gefangen gehalten, die in Europa als psychische Folter gelten würde. Evrons Stück ist ein deutliches Zeichen für die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft: Denn obwohl – und wohl auch gerade weil – es äußerst schonungslos mit der Politik Israels ins Gericht geht, wurde es preisgekrönt.
Parallelen zur Nazizeit sind unumgänglich
Dem Gefangenen, gebeugt unter Susanne Hillers Bretterboden, stellt Evron mehrere Exponenten der israelischen Gesellschaft gegenüber. Den Anwalt Izakov (nochmals: Marcus Calvin), der alles juristisch Mögliche für seinen Mandanten unternimmt und trotzdem versucht, emotional auf Distanz zu bleiben. Dessen Frau Nuchi (Judith Bohle), die ihre Selbstverwirklichung in der Veranstaltung von Benefiz-Veranstaltungen sucht. Den Karriere-Juristen Yaniv (Alexander Darkow). Und den Bürokraten Seinfeld (Eberhard Peiker), der seinen Staat zu verteidigen bereit ist mit jeder Art von Loyalität – und der Izakov trotzdem provozierend mit entsetzlichen Nachrichten über die Lage auf dem Gazastreifen konfrontiert. Das sind die die am schwersten zu verdauenden Momente des Stücks: Denn Seinfelds bürokratisch exakte Fakten machen, ohne es zu erwähnen, Parallelen zur nationalsozialistischen Judenverfolgung unausweichlich. Wenn er etwa darüber nachdenkt, welche Auswirkungen die mangelhafte Nahrungsmittelversorgung des Gazastreifens auf die Gehirnstruktur der Palästinenser haben werde – dann werden zwangsweise Assoziationen an Josef Mengeles geweckt und dessen „medizinische“ Experimente an Auschwitzhäftlingen.
Darf man das? In Deutschland? Markus Trabusch und sein Team haben es sich unbestritten nicht leicht gemacht mit dem Thema. Und sie haben kritischen Einwänden vorgebeugt, indem sie ein Rahmenprogramm zusammengestellt haben, das die Inszenierung begleitet: Videoinstallationen im Holbeinhaus, Filmnächte und Publikumsgespräche im Theater (siehe Artikel weiter unten). Trabusch hat schon seine Magisterarbeit über „Autobiographien deutsch-jüdischer Exilanten nach 1945“ geschrieben und ist mehrmals nach Israel gereist, hat den Gazastreifen besucht. Dass es „diese Praktiken“ gebe, argumentiert er, habe „nichts mit ‚Nazi‘ zu tun. Das ist ein innerisraelisches Problem.“ Und die Art und Weise, wie „Ulysses“ als Gefangener von seinem Staat behandelt werde, sei nicht erfunden, sondern die autobiographische Erfahrung des Autors nach seiner Wehrdienstverweigerung.
Die Antisemitismusfalle ist aufgestellt
Rechtfertigen kann man die Doppelinszenierung wohl vor allem mit dem idealistischen Argument, Kunst müsse stets und überall die Wahrheit verkünden. In Trabuschs Worten: „Da, wo so etwas geschieht, muss man eingreifen. Theater ist dazu da, das vermeintlich Andere aus der Innenperspektive darzustellen.“ Dass die Inszenierung sich als proisraelisch begreift, teilt schon der Obertitel mit: Es geht um die Liebe zu diesem Land und seinen Bewohnern. Die Antisemitismusfalle aber ist trotzdem aufgestellt: Nur zu gerne hören „Israelkritiker“ von ganz rechts bis weit links das Argument, in Israel werde der Holocaust nun andersherum verübt – „die Juden“ seien den Nazis nur allzu ähnlich. Von den Raketen, die aus Gaza Richtung Israel fliegen, ist auch in Evrons Stück nicht die Rede.
Das Stück und seine Schauspieler allerdings vermögen diesem Kurzschluss vorzubeugen. Besonders Eberhard Peiker gibt dem loyalen Staatsdiener Seinfeld eine Dimension, für die der Begriff „Zerrissenheit“ noch einmal bemüht werden muss. Denn so ernsthaft und bedingungslos dieser militärisch anmutende Zivilist für seinen Staat zu kämpfen bereit ist, so sehr verdeutlicht Peiker auch mit minimalen Gesten, dass Seinfeld im Begriff ist, an diesem Auftrag zu zerbrechen – auch wenn er ihn gutheißt. Und auch Izakov wird schließlich an seinem Glauben an das Recht und an die emotionale Trennung von Mandant und Anwalt zerbrechen: Als er sich, ganz gegen seine Art, entschließt, Ulysses zu umarmen, ist eine Grenze überschritten, über die es kein Zurück mehr gibt. Sein Mitgefühl wird Auswirkungen haben auf seine Position in der Gesellschaft, als Anwalt – und auf seine Ehe.
Viel Wagnis, viele Dimensionen, viel Diskussionsstoff: ein fesselnder Auftakt für die Brechtbühne und für die neue Theatersaison – wenn auch auf schwankendem Boden.
Molières „Tartuffe“ in Augsburg
Tod eines Glücksverheißers
...Sigrid Herzog macht in ihrer Augsburger Inszenierung aus dem religiösen Heuchler einen windigen Lebensberater und einen esoterischen Glücksversprecher.
Marcus Calvin zeigt aber auch einen vielschichtigen Tartuffe: demütig bis zur Selbsterniedrigung als Heuchler, diabolisch und gierig, wenn er seine Maske fallen lässt. Auf der anderen Seite zeichnet Herzog ein brillantes Familienpsychogramm, das erklärt, warum der anständige, wohlhabende und ein bisschen biedere Orgon auf diesen Verführer reinfallen musste und ihn bei sich aufnahm: Gleich zu Beginn erleben die Zuschauer, wie ein neues Sofa gebracht wird: riesig, lang, grellgrün und schrill, genauso wie die Familie in ihren lauten und etwas zu modischen Kleidern (Bühne und Kostüme Isabelle Kittnar). Man kann sich hier einiges leisten, auch schräge Bilder an der Wand und Möbel, auf denen man nicht sitzen kann. Eva Maria Keller als Mutter Orgons, eine brillante Familien-Generalissima, hat mit ihrer Standpauke nicht unrecht: Hier herrschen Oberflächlichkeit, Materialismus, Übersexualisierung und die ewige Party. Kein Wunder, dass dem Herr des Hauses der Sinn nach Tiefe und Substanz steht – und dann werden schon mal falsche Angebote angenommen. Sigrid Herzog zeigt aber auch die Lähmung und Lethargie dieser Familie: Bis auf Orgon und seine Mutter durchschauen alle Tartuffe, reagiert wird aber erst, als er die Verlobung seiner Tochter Mariane (zart, blond und schön naiv gespielt von Sarah Bonitz) gelöst hat und sie mit Tartuffe verheiraten will. Dazu überschreibt er dem Betrüger sein gesamtes Vermögen. Motor des Widerstands gegen Tartuffe und zugleich das geheime Zentrum der Inszenierung ist Lucy Wirth als Zofe. Die pragmatische und resolute Dienerin nimmt die Handlung in die Hand, geigt Orgon die Meinung, richtet Mariane auf und schlichtet den Streit mit deren Verlobten Valère (Nicholas Reinke), handelt, wo die anderen gelähmt sind, spricht, ja schreit, wo die anderen schweigen und lehnt sich auf, wo die anderen in Selbstmitleid schwelgen. Mitunter eröffnet Lucy Wirth eine Solo-Nebenbühne, kommentiert die Handlung mit kleinen Gesten und großer Mimik und macht aus dem Mauerblümchen mit Hornbrille und Dutt die präsenteste Figur des ganzen Stücks. Es sind nuancierte Verschiebungen der Perspektive und dosiert eingesetzte Brechungen, ironische Tanzeinlagen, hier ein kleines Stück Schokolade, dort eine verlorene Sonnenbrille oder behutsame sprachliche Modernismen, mit denen Sigrid Herzog das Spiel zwischen realistischem Detail und grotesker Verzerrung, zwischen dem Zoom auf die Innenperspektive und dem Cinemascope-Blick auf die Gesellschaft pendeln lässt. Verführbar ist natürlich auch Tartuffe. Er geifert nach Orgons Frau Elmire, und Judith Bohle zelebriert augenzwinkernd das ganze Repertoire weiblicher Verführungskunst: hohe Schuhe, tiefer Blick, wiegende Hüften, laszives Lümmeln auf dem unmöglichen Sofa; bei so viel Erotik wird der asketische Enthaltsamkeitsprediger schnell zum Affen. Gleichwohl: Haus und Vermögen sind weg. Was also tun? Molière ließ den König Gerechtigkeit über das Recht setzen und Tartuffe verhaften. Sigrid Herzog und Dramaturg Tobias Vogt haben sich einen anderen Schluss einfallen lassen, der sozusagen demokratisch und archaisch zugleich ist: den kollektiven Mord an Tartuffe. Darüber lässt sich trefflich diskutieren. Gut so. Ein selten unterhaltsamer und selten anregender Theaterabend, den das Premierenpublikum zu Recht bejubelte.
Von Berndt Herrmann aus dem Donaukurier, 28.11.2011 19:30 Uhr Augsburg (DK)
Molières „Tartuffe“ im tim: der Seelencoach als Verführer
Ein tiefer, etwas bedrohlicher Basston vom Akkordeon eröffnet den Abend – und ab dann wird Tango getanzt. So könnte man, übertrieben kurz, den Molièreschen „Tartuffe“ zusammenfassen, wie ihn das Stadttheater unter Regie von Sigrid Herzog auf die (nicht vorhandene) Bühne des Textilmuseums bringt. Um es vorweg zu nehmen: Ein Abend der leichten Muse zwar, aber ein Abend des großen Vergnügens, des perfekten Timings und eines glänzenden Ensembles.
Wie der Wutbürger zum Plebs wird
Der Plan, Tartuffe doch noch bloßzustellen, in dem man dessen Werben um die Frau des Hausherrn offenbar macht, ist ein weiterer großer Spaß für alle Beteiligten inklusive Publikum. Sogar Elmire selbst (Judith Bohle) schwankt ein wenig zwischen Lust und Entsetzen, scheint ein paar Momente lang nicht abgeneigt, den Schabernack eine Spur zu weit zu treiben – zumal ihr Mann, unterm Sofa versteckt, sich der Realität verweigert: Er will und will nicht glauben, dass Tartuffe, der hoch verehrte Asket im hochgeschlossenen schwarzen Gewand (Marcus Calvin), ein Betrüger ist, schreitet selbst dann nicht ein, als dieser sich mit bedrohlich gerafften Unterhosen auf Elmire zu stürzen droht. Das ist der Moment, in dem die Inszenierung hart an den Rand der Klamotte gerät.
Doch mag das die Absicht der Regisseurin gewesen sein. Denn ihr Tartuffe ist nicht mehr ein Vertreter jenes katholischen Klerus, der sich bei der Uraufführung im Jahr 1664 – und zu Recht – derart verunglimpft sah, dass er ein Aufführungsverbot erwirkte. Es ist ja heute kaum mehr üblich, sein Vermögen der Kirche oder einem ihrer Vertreter zu vermachen. Doch auch wir haben jede Menge Gutmenschen zur Auswahl, denen wir auf den Leim gehen können – man muss sich gar nicht bis in die 70er-Jahre zurück an einen orangegewandeten Guru erinnern, dem seine Anhänger einen Rolls Royce nach dem anderen verehrten. Marcus Calvin spielt den Tartuffe als eines dieser alerten, nie um Antwort und verständnisvolle Geste verlegenen Mischwesen aus Manager, Berater, Seelencoach und Psychotherapeut: „Lass den Himmel durch dich gehen“, empfiehlt er Orgon, als dieser sich zu sehr erregt, und atmet ihm beruhigend vor. Sein Klient aber hat schon viel gelernt: „Ich bin irgendwie blockiert“, erklärt Orgon seine Verwirrung und vermacht ihm gleich noch Haus und Vermögen.
Deshalb ist es, als Tartuffes Blenderei offenbar und die erzwungene Hochzeit verhindert wird, trotzdem längst zu spät. Den rettenden König, den Molière in letzter Minute dem Orgon beistehen lässt, enthält Sigrid Herzog dem Publikum vor – sie deutet eine drastischere Lösung an, aus der aber auch nichts wirklich Gutes erwachsen kann. Der Tango ist unmerklich verklungen, die Wutbürger werden unvermutet zum Plebs und rächen sich am Verführer, der ihnen doch nur die eigene Dummheit vor Augen geführt hat. Viel herzhaftes Gelächter, langer Applaus, viele Bravos für Schauspieler und Regie.
Von Frank Heindl aus der DAZ
Brünftige Gier zwischen Kissen
Mit lüsternem „ratsch!“ lässt Marcus Calvin die Hüllen fallen und gibt den Tartuffe als drahtigen Fitness-Trainer ganz ohne Heiligenschein. (Foto: Schölzel)
Spaßmacher sollte Molière nach dem Willen Seiner Majestät Ludwigs
XIV. sein, mehr nicht. Und doch ist ihm auch manche Charakterkomödie mit
Tiefgang herausgerutscht – der Tartuffe etwa, wo ein abgefeimter
Schurke eine ganze Familie ins Unglück zu stürzen droht. In Sigrid
Herzogs turbulenter Inszenierung auf der Augsburger tim-Bühne dominiert
jedoch allemal der Spaß, ein paar Ausrutscher in Jux, Dollerei und
Albernheiten inklusive. „Saulustig war’s!“, so eine vom vielen Lachen
sichtlich erschöpfte junge Zuschauerin.
Lindgrün, grasgrün,
froschgrün und giftgrün sind die Grundfarben der mit einem sich längs
über das Geviert erstreckenden Canapé bestückten Bühne, der zahlreichen
Sofakissen und auch der flotten zeitgenössischen Kostüme,
alles entworfen von Isabelle Kittnar. Einer ausgenommen: der Titelheld.
Man kennt ihn als frömmelnden Parasiten in schmuddelig abgewetzter
Priestersoutane. In Herzogs Inszenierung trägt er jedoch einen edlen
schwarzen Rollpullover mit Reißverschluss und Anzughose, den er mit lüsternem
„ratsch!“ herunterreißt, bevor er sich auf die leckere Elmire stürzt.
Marcus
Calvins Tartuffe ist ein drahtiges, knuspriges Bürschchen... Der Heiligenschein
steht ihm weniger gut als die brünftige Gier, mit der er nicht nur die
Gattin des Hausherrn beleckt, sondern auch die Finger nach dem dritten
Schlag Rebhuhnbraten...
...des
unglaublich spielfreudigen Ensembles. Das gilt vielleicht für die ganze
Inszenierung und vor allem auch für einen Schluss, der so gar nicht
„Molière“ ist. Aber saulustig war’s allemal.
BSZ Bayerische Staatszeitung (Hanspeter Plocher)
